Mit Große Sorgen vor der Zunft
„Wir machen uns Sorgen – aber wir geben die Inklusion nicht auf“
Wenn ich auf die aktuelle Lage von Menschen mit Behinderung in Deutschland schaue, spüre ich vor allem eines: Unsicherheit. Die jüngste Ipsos-Umfrage im Auftrag der Aktion Mensch zeigt schwarz auf weiß, was viele von uns schon lange fühlen: Wir blicken mit Sorge auf unsere soziale Sicherheit, unsere politische Teilhabe und darauf, wie unsere Gesellschaft mit Behinderung umgeht. (Ipsos)
Trotzdem schreibe ich diesen Text nicht, um nur zu klagen, sondern um deutlich zu machen: Unsere Sorgen sind real – und sie sind ein Auftrag, Barrieren endlich abzubauen.
Soziale Sicherung: Die Angst, dass zuerst bei uns gespart wird
Viele von uns sind auf Leistungen wie Bürgergeld, Erwerbsminderungsrente, Assistenz, Pflege oder eine verlässliche Krankenversicherung angewiesen. Laut Ipsos-Umfrage machen sich rund die Hälfte der befragten Menschen mit Behinderung Sorgen, dass genau diese Leistungen in Zeiten von Sparprogrammen unter Druck geraten.
Ich kenne diese Angst gut: Was passiert, wenn eine Reform kommt und plötzlich Assistenzstunden gekürzt werden? Wenn Hilfsmittel schwerer bewilligt werden? Wenn die Botschaft zwischen den Zeilen lautet: „Ihr seid zu teuer“? Diese Gedanken sind belastend – und sie sind nicht abstrakt, sondern betreffen unseren Alltag, unsere Selbstbestimmung und unsere Würde.
Gleichzeitig weiß ich: Soziale Sicherung ist kein Luxus, sondern ein Menschenrecht. Und genau das müssen wir immer wieder betonen – in Gesprächen, in der Politik, in den Medien.
Politisches Klima: Wenn Inklusion plötzlich „verhandelbar“ wirkt
Laut Ipsos-Umfrage haben viele von uns das Gefühl, dass Inklusion politisch an Bedeutung verliert. Zwei Drittel befürchten, dass unsere Themen als „Luxus“ abgestempelt werden. Dazu kommt der Eindruck, politisch kaum vertreten zu sein – 77 % fühlen sich nicht ausreichend berücksichtigt.
Ich merke das, wenn über „Sparpakete“ gesprochen wird, ohne dass jemand fragt, was das für Menschen mit Behinderung bedeutet. Oder wenn Barrierefreiheit in Debatten als „zu teuer“ oder „später“ abgetan wird. Gleichzeitig erleben wir den Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte, deren Programme oft wenig mit einer inklusiven Gesellschaft zu tun haben.
Das macht mir Sorgen – aber es macht mich auch entschlossen: Inklusion darf nie zur Verhandlungsmasse werden. Es geht um Grundrechte, nicht um Extras.
Diskriminierung im Alltag: Wenn Barrieren nicht nur baulich sind
Aktion Mensch berichtet, dass 6 von 10 Menschen mit Behinderung in den letzten Jahren Diskriminierung erlebt haben – im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz, im Gesundheitssystem oder online. (Aktion Mensch)
Ich kenne das Gefühl, „zu viel“ zu sein, wenn ich um Unterstützung bitte. Oder „unsichtbar“, wenn über uns gesprochen wird, aber nicht mit uns. Besonders bedrückend finde ich, dass laut Umfrage 41 % der Betroffenen nicht wissen, wie sie sich im Falle von Diskriminierung wehren können.
Genau hier braucht es mehr: Aufklärung über Rechte, niedrigschwellige Beratungsangebote und ernsthafte Konsequenzen bei Ableismus. Diskriminierung ist kein Randthema, sondern Alltag für viele von uns.
Wohnen und Arbeit: Barrierefreiheit ist die Basis, nicht die Kür
42 % der Befragten sorgen sich um den Mangel an barrierefreiem Wohnraum, 39 % um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ich kann das gut nachvollziehen: Eine Wohnung, die ich nicht ohne Hilfe verlassen kann, ist kein „Zuhause“, sondern eine Einschränkung. Ein Arbeitsmarkt, der uns als „Risiko“ statt als Ressource sieht, nimmt uns Chancen und Selbstwert.
In Prognosen bis 2026 werden barrierefreier Wohnraum und Teilhabe am Arbeitsmarkt als zentrale Zukunftsthemen genannt. Das zeigt: Wir wissen, wo die Probleme liegen – jetzt müssen Taten folgen.
Psychische Belastungen: Wenn die Situation krank macht
Neben körperlichen und Sinnesbehinderungen nehmen psychische Beeinträchtigungen zu. Immer mehr Menschen werden wegen Depressionen oder anderen seelischen Erkrankungen stationär behandelt, oft mit der Folge von Erwerbsminderung. Das ist nicht nur eine medizinische, sondern auch eine soziale Frage.
Ständige Unsicherheit, Diskriminierung, Existenzängste – all das hinterlässt Spuren. Für mich ist klar: Wer über Inklusion spricht, muss auch über mentale Gesundheit sprechen. Wir brauchen Strukturen, die nicht zusätzlich krank machen, sondern stabilisieren.
Was mir trotz allem Hoffnung macht
Bei all den Sorgen gibt es auch etwas, das mich trägt: Wir sind nicht allein. Die Umfragen von Ipsos und Aktion Mensch zeigen nicht nur Probleme, sondern auch, dass unsere Stimmen hörbar sind. Organisationen, Initiativen, Selbstvertretungen und viele engagierte Menschen kämpfen jeden Tag dafür, dass Inklusion mehr ist als ein Wort in Sonntagsreden.
Hoffnung macht mir, wenn Betroffene sich vernetzen, wenn Verbündete zuhören, wenn Barrierefreiheit nicht mehr als „Extra“, sondern als Standard gedacht wird. Und ja, auch wenn Artikel wie dieser gelesen, geteilt und diskutiert werden – weil sie zeigen: Wir sind da. Wir haben etwas zu sagen. Und wir haben das Recht, gehört zu werden.
Ein persönliches Fazit
Ich habe Angst vor Kürzungen, vor politischer Gleichgültigkeit und vor zunehmender Behindertenfeindlichkeit. Aber ich habe auch Hoffnung – weil ich sehe, wie viele Menschen sich für eine inklusive Gesellschaft einsetzen.
Inklusion ist kein „Nice to have“. Sie entscheidet darüber, ob wir in dieser Gesellschaft wirklich dazugehören – oder nur geduldet werden. Und genau deshalb lohnt es sich, weiter laut zu sein, weiter unbequem zu sein und weiter einzufordern, was uns zusteht: Teilhabe, Respekt und echte Barrierefreiheit.
Wenn du selbst betroffen bist oder Angehörige*r: Deine Sorgen sind berechtigt. Und du bist nicht allein.
Erwachsenwerden mit Behinderung – vom Wohnen bis zum Job | hessenschau
Erwachsen werden ist für alle eine Herausforderung – für Menschen mit Behinderung oft noch mehr. Kerstin (22) und Arthur (21) ...haben psychische bzw. geistige Einschränkungen und kämpfen für ein selbständiges Leben.
Kerstin lebte lange mit schweren Depressionen und Suizidgedanken, Arthur wollte unbedingt auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten. Wie ihre Wege heute aussehen, erfahrt ihr, wenn ihr das Video schaut.
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