Abgeordnete mit Behinderung im Bundestag
Abgeordnete mit Behinderung im Bundestag: Wer sind und waren diese bekannten Gesichter?
Stand: August 2026
Wie selbstverständlich ist politische Teilhabe für Menschen mit Behinderung? Ein Blick in den Deutschen Bundestag zeigt: Menschen mit Behinderung sind dort weiterhin deutlich seltener vertreten als in der Bevölkerung. Gleichzeitig haben einzelne Politikerinnen und Politiker in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Veränderungen angestoßen und dafür gesorgt, dass Barrierefreiheit und Inklusion stärker ins Zentrum der politischen Debatte gerückt sind.
Zu den heute besonders bekannten Abgeordneten mit öffentlich bekannter Behinderung gehören Heike Heubach (SPD) und Simone Fischer (Bündnis 90/Die Grünen). Beide gehören dem 21. Deutschen Bundestag an, der nach der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 seine Arbeit aufgenommen hat.
Eine wichtige Einschränkung vorweg: Der Deutsche Bundestag veröffentlicht keine vollständige Statistik darüber, wie viele seiner Abgeordneten eine Behinderung haben. Gerade bei nicht sichtbaren Behinderungen wäre eine vollständige Erfassung ohnehin nur möglich, wenn die Abgeordneten ihre Behinderung selbst öffentlich machen. Deshalb lässt sich keine belastbare Gesamtzahl aller Abgeordneten mit Behinderung angeben.
Heike Heubach (SPD): Erste gehörlose Abgeordnete im Deutschen Bundestag
Heike Heubach gehört zu den besonderen Gesichtern der deutschen Inklusionspolitik. Die 1979 geborene Industriekauffrau zog am 20. März 2024 als Nachrückerin erstmals in den Deutschen Bundestag ein. Damit wurde sie zur ersten gehörlosen Abgeordneten in der Geschichte des Deutschen Bundestages.
Bei der Bundestagswahl 2025 gelang ihr der Wiedereinzug. In der 21. Wahlperiode vertritt sie Bayern weiterhin über die Landesliste der SPD.
Heubach ist aktuell ordentliches Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales sowie im Ausschuss für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen und Kommunen. Im Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit ist sie stellvertretendes Mitglied.
Innerhalb der SPD-Bundestagsfraktion ist Heubach seit Juni 2025 Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen.
Besonders große öffentliche Aufmerksamkeit erhielt ihre erste Bundestagsrede in Deutscher Gebärdensprache. Am 10. Oktober 2024 hielt sie als erste Abgeordnete eine Bundestagsrede in Gebärdensprache. Ihre Rede wurde simultan in gesprochene Sprache übersetzt. Damit wurde sichtbar, dass parlamentarische Arbeit auch dann möglich ist, wenn die Arbeitsabläufe an unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse angepasst werden.
Heubach selbst betont, dass sie nicht ausschließlich über ihre Taubheit definiert werden möchte. Im Mittelpunkt stehen für sie ihre politische Arbeit, ihre persönliche Kompetenz und ihre Erfahrungen als Abgeordnete.
Simone Fischer (Bündnis 90/Die Grünen): Erste kleinwüchsige Bundestagsabgeordnete
Eine weitere außergewöhnliche Biografie gehört Simone Fischer. Die Grünen-Politikerin wurde am 24. Juni 1979 in Buchen im Odenwald geboren und ist kleinwüchsig.
Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 gewann Fischer den Wahlkreis Stuttgart I mit einem äußerst knappen Vorsprung. Sie wurde damit zur ersten kleinwüchsigen Abgeordneten im Deutschen Bundestag.
Vor ihrem Einzug in den Bundestag verfügte Fischer bereits über umfangreiche Erfahrung in der Behindertenpolitik. Von 2021 bis 2025 war sie Beauftragte der Landesregierung Baden-Württemberg für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Zuvor arbeitete sie viele Jahre im Sozial- und Gesundheitsbereich der Stadt Stuttgart, beim Landratsamt Neckar-Odenwald-Kreis, beim Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg und beim Städtetag Baden-Württemberg.
Im Bundestag ist Fischer aktuell ordentliches Mitglied im Gesundheitsausschuss und Schriftführerin. Stellvertretendes Mitglied ist sie im Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, in der Kinderkommission sowie im Petitionsausschuss.
Auch in der Pflegepolitik ist Fischer aktiv. Sie tritt für eine stärkere politische Berücksichtigung der Interessen pflegebedürftiger Menschen, ihrer Angehörigen und der Beschäftigten in der Pflege ein.
Ihr Einzug in den Bundestag machte zugleich deutlich, dass Barrierefreiheit nicht nur Rampen und Aufzüge betrifft. Fischer hat öffentlich auf praktische Hindernisse im parlamentarischen Alltag hingewiesen. Dazu gehören beispielsweise die Gestaltung von Arbeitsplätzen, die Erreichbarkeit von Einrichtungen und die Frage, wie Arbeitsabläufe so organisiert werden können, dass Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen selbstständig arbeiten können.
Wolfgang Schäuble (CDU): Einer der bekanntesten Politiker im Rollstuhl
Zu den international bekanntesten deutschen Politikern mit Behinderung gehörte Wolfgang Schäuble (CDU).
Schäuble wurde am 18. September 1942 in Freiburg im Breisgau geboren und starb am 26. Dezember 2023. Nach dem Attentat auf ihn im Oktober 1990 war er querschnittsgelähmt und dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen.
Trotz seiner Behinderung blieb Schäuble über Jahrzehnte eine der prägendsten Persönlichkeiten der deutschen Politik. Er war unter anderem Bundesinnenminister, Bundesfinanzminister, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und von 2017 bis 2021 Präsident des Deutschen Bundestages.
Schäubles lange Tätigkeit im Bundestag zeigte zugleich, dass parlamentarische Arbeitsplätze an unterschiedliche Bedürfnisse angepasst werden können. Seine politische Karriere steht damit auch für eine Zeit, in der Fragen der Zugänglichkeit und praktischen Nutzbarkeit des Parlaments stärker ins öffentliche Bewusstsein rückten.
Wolfgang Schäuble (* 18. September 1942 in Freiburg im Breisgau; † 26. Dezember 2023 in Offenburg) war ein deutscher Politiker (CDU).
Stephanie Aeffner: Erste Frau im Rollstuhl im Deutschen Bundestag
Auch Stephanie Aeffner (Bündnis 90/Die Grünen) gehört zu den wichtigen Persönlichkeiten der jüngeren Geschichte des Bundestages.
Aeffner zog 2021 als erste Frau im Rollstuhl in den Deutschen Bundestag ein. Zuvor war sie von 2016 bis 2021 Landes-Behindertenbeauftragte von Baden-Württemberg.
Sie setzte sich im Bundestag besonders für Menschenrechte, soziale Teilhabe und eine inklusive Gesellschaft ein. Ihr politisches Credo lautete: „Behindertenpolitik ist Menschenrechtspolitik.“
Stephanie Aeffner starb im Januar 2025 im Alter von 48 Jahren. Der Deutsche Bundestag würdigte sie als engagierte Politikerin, die sich für eine inklusive und barrierefreie Gesellschaft eingesetzt hatte.
Ilja Seifert: Ein früher Wegbereiter der Behindertenpolitik
Bereits lange vor Schäuble, Aeffner, Heubach und Fischer gab es im Bundestag Politiker, die selbst mit einer Behinderung lebten und die Behindertenpolitik maßgeblich prägten.
Ein besonders wichtiges Beispiel ist Dr. Ilja Seifert (Die Linke). Seifert war seit einem Badeunfall im Jahr 1967 querschnittsgelähmt und saß im Rollstuhl. Er gehörte über mehrere Wahlperioden dem Bundestag an und war ein engagierter Vertreter der Interessen von Menschen mit Behinderungen.
Seifert setzte sich unter anderem für Barrierefreiheit, selbstbestimmtes Leben, inklusive Bildung und die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention ein.
Wie barrierefrei ist der Bundestag heute?
Der Einzug von Abgeordneten mit unterschiedlichen Behinderungen zeigt, dass Barrierefreiheit nicht allein eine Frage von Rampen und Aufzügen ist.
Für Heike Heubach mussten Kommunikationsstrukturen angepasst werden. Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher ermöglichen ihr die Teilnahme an parlamentarischen Terminen und die Übersetzung ihrer Beiträge in gesprochene Sprache.
Für Simone Fischer stehen dagegen vor allem Fragen der körperlichen Erreichbarkeit und der Gestaltung von Arbeitsplätzen im Mittelpunkt.
Der Bundestag arbeitet zugleich an der Barrierefreiheit seiner digitalen Angebote und Anwendungen. Barrierefreiheit umfasst deshalb nicht nur die bauliche Zugänglichkeit von Gebäuden, sondern auch digitale Informationen, Kommunikation und organisatorische Abläufe.
Damit wird deutlich: Ein wirklich inklusives Parlament muss nicht nur baulich zugänglich sein. Auch Kommunikation, digitale Informationen, Arbeitsorganisation und parlamentarische Abläufe müssen so gestaltet werden, dass Abgeordnete mit unterschiedlichen Behinderungen gleichberechtigt arbeiten können.
Aktuell 2026: Streit um das Behindertengleichstellungsgesetz
Das Thema Barrierefreiheit ist auch in der 21. Wahlperiode politisch hochaktuell.
Die Bundesregierung hat 2026 einen Entwurf zur Änderung des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) vorgelegt. Ziel ist unter anderem, die Barrierefreiheit sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich weiter zu verbessern. Der Bundestag beriet den Gesetzentwurf am 7. Mai 2026 erstmals.
Simone Fischer beteiligte sich an dieser parlamentarischen Debatte und hielt am 7. Mai 2026 im Bundestag eine Rede zur ersten Beratung des Gesetzentwurfs zur Änderung des Behindertengleichstellungsgesetzes. Auch weitere Anträge zur Barrierefreiheit und zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention wurden beraten.
Am 22. Juni 2026 fand im Ausschuss für Arbeit und Soziales eine öffentliche Anhörung statt. Sachverständige bewerteten den Gesetzentwurf unterschiedlich und kritisierten unter anderem, dass die vorgesehenen Regelungen aus ihrer Sicht nicht weit genug gehen.
Damit ist das Thema auch im August 2026 keineswegs abgeschlossen: Barrierefreiheit, Teilhabe und die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention bleiben zentrale politische Streitfragen.
Abgeordnete mit Behinderung in den Ländern und im Europäischen Parlament
Dennis Sonne – Landtag Nordrhein-Westfalen
Dennis Sonne (Bündnis 90/Die Grünen) sitzt seit 2022 im Landtag Nordrhein-Westfalen und engagiert sich dort insbesondere für Inklusion und die Interessen von Menschen mit Behinderungen. Nach einem Unfall im Jahr 2004 ist er querschnittsgelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Neben seiner politischen Arbeit ist Sonne als Musiker und Rapper aktiv.
Constantin Grosch – Niedersächsischer Landtag
Constantin Grosch (SPD) ist seit 2022 Mitglied des Niedersächsischen Landtages. Er engagiert sich insbesondere für Inklusion, Barrierefreiheit und die politische Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Grosch nutzt selbst einen Rollstuhl.
Katrin Langensiepen – Europäisches Parlament
Katrin Langensiepen (Bündnis 90/Die Grünen) ist seit 2019 Mitglied des Europäischen Parlaments und wurde 2024 wiedergewählt. Sie setzt sich auf europäischer Ebene insbesondere für die Rechte von Menschen mit Behinderungen und eine inklusive Gesellschaft ein.
Politische Teilhabe ist mehr als Barrierefreiheit
Die Biografien von Wolfgang Schäuble, Ilja Seifert, Stephanie Aeffner, Heike Heubach und Simone Fischer zeigen, wie unterschiedlich Behinderungen sein können – und wie unterschiedlich auch die politischen Erfahrungen der Betroffenen sind.
Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht allein, wie viele Abgeordnete eine Behinderung haben, sondern ob Menschen mit Behinderung selbstverständlich politische Verantwortung übernehmen können.
Ein inklusiver Bundestag sollte die Vielfalt der Bevölkerung widerspiegeln. Dazu gehört auch, dass Menschen mit Behinderungen nicht nur Gegenstand politischer Entscheidungen sind, sondern selbst an diesen Entscheidungen mitwirken.
Heike Heubach, Simone Fischer und viele weitere Politikerinnen und Politiker zeigen: Politische Teilhabe von Menschen mit Behinderung ist möglich – wenn Barrieren abgebaut und notwendige Unterstützungen selbstverständlich werden.
Weiterführende Informationen
- Heike Heubach – Deutscher Bundestag
- Simone Fischer – Deutscher Bundestag
- Heike Heubach – persönliche Website
- Barrierefreiheit beim Deutschen Bundestag
Heike Heubach SPD Bundestagskandidatin Vorstellung