Systemische Therapie für Familien und Einzelpersonen
Systemische Psychotherapie: Beziehungen, Muster und neue Perspektiven
Die Systemische Therapie ist ein wissenschaftlich anerkanntes psychotherapeutisches Verfahren. Sie betrachtet psychische Beschwerden nicht ausschließlich auf der Ebene des einzelnen Menschen, sondern berücksichtigt auch dessen Beziehungen, soziale Lebenswelt und wiederkehrende Interaktions- und Kommunikationsmuster.
Zum sozialen Umfeld können beispielsweise Familie, Partnerschaft, Freundeskreis, Schule oder andere wichtige Bezugssysteme gehören. Dabei bedeutet der systemische Ansatz nicht, dass psychische Probleme grundsätzlich durch das soziale Umfeld „verursacht“ werden. Vielmehr wird untersucht, wie individuelles Erleben und Verhalten sowie zwischenmenschliche Beziehungen sich gegenseitig beeinflussen können.
Die Systemische Therapie kann sowohl mit Einzelpersonen als auch mit Paaren, Familien oder anderen relevanten Bezugspersonen durchgeführt werden. Je nach Fragestellung können deshalb unterschiedliche Personen in den therapeutischen Prozess einbezogen werden.
Systemische Psychotherapie betrachtet Menschen im Zusammenhang mit ihren Beziehungen, Interaktionen und sozialen Systemen.
Kernkonzept und Haltung der Systemischen Therapie
- Beziehungen im Fokus: Neben dem individuellen Erleben werden Interaktionen, Kommunikationsmuster und Dynamiken innerhalb sozialer Systeme betrachtet.
- Ressourcenorientierung: Die Therapie richtet den Blick nicht nur auf Probleme, sondern auch auf vorhandene Fähigkeiten, Ressourcen und bereits gelingende Lösungsansätze.
- Perspektivwechsel: Unterschiedliche Sichtweisen auf eine Situation können sichtbar gemacht werden. Dadurch können neue Bewertungen und Handlungsmöglichkeiten entstehen.
- Wertschätzende Haltung: Therapeutinnen und Therapeuten begegnen den Patientinnen und Patienten grundsätzlich respektvoll und möglichst vorurteilsfrei. Systemische Therapie arbeitet häufig mit Fragen, die neue Perspektiven eröffnen.
- Kontextbezogenheit: Psychische Beschwerden werden im Zusammenhang mit persönlichen, sozialen und situativen Bedingungen betrachtet.
Methoden und Techniken der Systemischen Therapie
In der Systemischen Therapie kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz. Welche Intervention geeignet ist, hängt von der individuellen Situation und dem jeweiligen therapeutischen Ziel ab.
- Zirkuläres Fragen: Fragen können dazu dienen, die Wahrnehmung und Perspektive anderer Beteiligter sichtbar zu machen. Beispielsweise kann gefragt werden: „Was glauben Sie, wie Ihr Partner diese Situation erlebt?“
- Genogrammarbeit: Ein Genogramm stellt familiäre Beziehungen über mehrere Generationen grafisch dar. Dadurch können wiederkehrende Beziehungsmuster, Rollen und wichtige Lebensereignisse sichtbar werden.
- Systembrett und Aufstellungsarbeit: Beziehungen und unterschiedliche Perspektiven können mithilfe von Figuren oder anderen symbolischen Darstellungen veranschaulicht werden.
- Ressourcenarbeit: Gemeinsam wird untersucht, welche Fähigkeiten, Beziehungen und Erfahrungen bereits hilfreich sind und für Veränderungen genutzt werden können.
- Skalierungsfragen: Veränderungen können beispielsweise auf einer Skala eingeschätzt werden. Dadurch lassen sich kleine Fortschritte und nächste Schritte konkreter beschreiben.
- Hypothetische Fragen: Fragen nach möglichen zukünftigen Entwicklungen können dabei helfen, neue Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.
Die aktuelle Psychotherapie-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses nennt unter anderem systemische Gesprächsführung und Fragetechniken, narrative Methoden, lösungs- und ressourcenorientierte Methoden, strukturell-strategische Methoden sowie weitere systemische und expressive Methoden.
Für wen kann Systemische Therapie geeignet sein?
Systemische Therapie kann bei unterschiedlichen psychischen Erkrankungen eingesetzt werden. Sie eignet sich insbesondere für Fragestellungen, bei denen Beziehungen, Kommunikation und soziale Zusammenhänge eine wichtige Rolle spielen. Eine Systemische Therapie kann dabei als Einzeltherapie, Gruppentherapie oder im sogenannten Mehrpersonensetting stattfinden.
Beim Mehrpersonensetting können beispielsweise Partnerinnen und Partner, Familienmitglieder oder andere wichtige Bezugspersonen in die Behandlung einbezogen werden. Der G-BA beschreibt gerade diese Einbeziehung des sozialen Umfelds als ein charakteristisches Merkmal des Verfahrens.
Anwendungsgebiete
Systemische Therapie ist in Deutschland als Richtlinienpsychotherapieverfahren anerkannt und kann zur Behandlung psychischer Erkrankungen eingesetzt werden. Die wissenschaftliche Nutzenbewertung des Gemeinsamen Bundesausschusses hat verschiedene Störungsbereiche untersucht.
Dazu gehören unter anderem:
- Depressive Störungen
- Angst- und Zwangsstörungen
- Essstörungen
- Substanzkonsumstörungen
- Persönlichkeitsstörungen
- Schizophrenie und affektive psychotische Störungen
Die vorhandene wissenschaftliche Evidenz ist allerdings je nach Störungsbild unterschiedlich. Deshalb sollte nicht pauschal behauptet werden, Systemische Therapie sei bei jeder dieser Erkrankungen gleichermaßen wirksam. Der G-BA hat die wissenschaftlichen Ergebnisse indikationsbezogen bewertet.
Systemische Therapie bei Kindern und Jugendlichen
Eine wichtige Entwicklung der vergangenen Jahre betrifft die Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Der Gemeinsame Bundesausschuss beschloss am 18. Januar 2024, die Systemische Therapie auch für Kinder und Jugendliche in die Psychotherapie-Richtlinie aufzunehmen. Der Beschluss trat am 12. April 2024 in Kraft. Damit wurde die Systemische Therapie auch für diese Altersgruppe grundsätzlich Bestandteil der ambulanten Versorgung zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung.
Gerade bei Kindern und Jugendlichen kann die Einbeziehung wichtiger Bezugspersonen eine besondere Rolle spielen. Die Systemische Therapie ermöglicht deshalb unter bestimmten Voraussetzungen ein Mehrpersonensetting, in dem beispielsweise Eltern oder andere relevante Bezugspersonen in die Behandlung einbezogen werden können.
Kostenübernahme durch die Krankenkasse
Stand: August 2026
Die Systemische Therapie ist in Deutschland ein Richtlinienpsychotherapieverfahren. Für Erwachsene ist sie seit dem 24. Januar 2020 Bestandteil der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung. Für Kinder und Jugendliche wurde die entsprechende Regelung 2024 in die Psychotherapie-Richtlinie aufgenommen.
Eine Kostenübernahme bedeutet allerdings nicht, dass jede systemische Beratung oder jede systemisch arbeitende Person automatisch über die gesetzliche Krankenkasse abrechnen kann. Für eine Abrechnung zulasten der GKV müssen die jeweiligen Voraussetzungen der vertragspsychotherapeutischen Versorgung erfüllt sein. Dazu gehört insbesondere eine entsprechende Approbation beziehungsweise Qualifikation und eine Genehmigung zur Abrechnung im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung.
Wer eine Systemische Therapie als Kassenleistung in Anspruch nehmen möchte, sollte deshalb darauf achten, dass die behandelnde Person entsprechend zugelassen beziehungsweise zur Abrechnung mit der gesetzlichen Krankenkasse berechtigt ist. Eine privat angebotene systemische Beratung oder Therapie ist nicht automatisch eine GKV-Leistung.
Die Psychotherapie-Richtlinie des G-BA regelt, welche psychotherapeutischen Verfahren zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung erbracht werden können und unter welchen Voraussetzungen dies möglich ist.
Was kostet Systemische Therapie ohne Kassenleistung?
Wenn eine systemische Behandlung nicht über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet werden kann, können Kosten als Selbstzahlerleistung entstehen. Die konkrete Höhe hängt unter anderem von der Qualifikation der behandelnden Person, der Dauer der Sitzung und dem jeweiligen Honorar ab.
Auch bei einer privaten Krankenversicherung oder Beihilfe gelten je nach Vertrag unterschiedliche Regelungen. Vor Beginn einer Behandlung sollte deshalb geklärt werden, ob und in welchem Umfang die jeweilige Versicherung die Kosten übernimmt.
Systemische Therapie 2026: Aktuelle Entwicklungen
Die Systemische Therapie entwickelt sich auch 2026 wissenschaftlich und praktisch weiter. Auf dem Deutschen Psychotherapiekongress 2026 wurden unter anderem aktuelle Forschungsansätze und das Mehrpersonensetting diskutiert. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, wie soziale Beziehungen und Interaktionen in der psychotherapeutischen Forschung und Behandlung berücksichtigt werden können.
Die Entwicklung zeigt: Systemische Therapie ist längst nicht mehr ausschließlich mit klassischer Familientherapie gleichzusetzen. Sie wird heute auch in der Einzeltherapie eingesetzt und verbindet die Betrachtung individueller psychischer Prozesse mit der Frage, welche Bedeutung Beziehungen und soziale Kontexte für Belastungen und Veränderungsprozesse haben.
Systemische Therapie ist mehr als Familientherapie
Der Begriff „Systemische Therapie“ wird häufig automatisch mit Familientherapie gleichgesetzt. Das greift jedoch zu kurz. Zwar können Familien und andere Bezugspersonen in die Behandlung einbezogen werden, aber eine systemische Behandlung kann ebenso mit einer einzelnen Person stattfinden.
Entscheidend ist weniger die Anzahl der anwesenden Personen als die systemische Perspektive: Das individuelle Erleben wird in Beziehung zu anderen Menschen, sozialen Rollen, Kommunikationsmustern und Lebensbedingungen betrachtet.
Systemische Therapie und Selbsthilfe: Was kann sie leisten?
Ein wichtiges Element der Systemischen Therapie ist die Stärkung von Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten. Patientinnen und Patienten sollen dabei unterstützt werden, neue Perspektiven auf ihre Situation zu entwickeln und eigene Möglichkeiten zur Veränderung zu entdecken.
Das bedeutet nicht, dass die Verantwortung für eine psychische Erkrankung allein bei der betroffenen Person liegt. Vielmehr wird gemeinsam untersucht, welche Faktoren zur Belastung beitragen, welche Ressourcen vorhanden sind und welche Veränderungen realistisch und hilfreich sein könnten.
Fazit
Die Systemische Psychotherapie betrachtet psychische Beschwerden aus einem erweiterten Blickwinkel. Neben der einzelnen Person spielen Beziehungen, Kommunikation, Interaktionen und soziale Lebensbedingungen eine wichtige Rolle.
Durch Methoden wie zirkuläres Fragen, Genogrammarbeit, Ressourcenarbeit oder die Einbeziehung wichtiger Bezugspersonen können neue Perspektiven entstehen. Die Therapie kann als Einzel-, Gruppen- oder Mehrpersonensetting durchgeführt werden.
Seit 2020 gehört die Systemische Therapie für Erwachsene zur ambulanten GKV-Versorgung. Seit April 2024 ist sie unter den entsprechenden Voraussetzungen auch für Kinder und Jugendliche als Kassenleistung vorgesehen. Entscheidend für die tatsächliche Kostenübernahme ist jedoch, dass die Behandlung im Rahmen der vertragspsychotherapeutischen Versorgung erfolgt.
Systemische Therapie bedeutet deshalb nicht nur, Probleme in der Familie zu betrachten. Sie eröffnet einen Blick auf die Wechselwirkungen zwischen Menschen, Beziehungen und individuellen Erfahrungen – und kann dadurch neue Wege für Veränderung sichtbar machen.
Weiterführende Informationen
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Systemische Therapie bei Kindern und Jugendlichen
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Psychotherapie-Richtlinie
- Systemische Gesellschaft: Systemische Therapie auf dem Deutschen Psychotherapiekongress 2026
- Systemische Gesellschaft
- DGSF: Systemische Therapie ist Richtlinienverfahren
- Dorsch Lexikon der Psychologie: Systemische Psychotherapie
SYSTEMISCHE THERAPIE - NICHT DER EINZELNE IST KRANK, SONDERN DAS SYSTEM! | SOZIALE ANGST LOSWERDEN
Studie:
Hunger, C., Hilzinger, R., Klewinghaus, L., Deusser, L., Sander, A., Mander, J., ... & Schweitzer, J. (2020). Comparing Cognitive Behavioral Therapy and Systemic Therapy for Social Anxiety Disorder: Randomized Controlled Pilot Trial (SOPHO‐CBT/ST). Family process, 59(4), 1389-1406.
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Über den Autor:
Der Diplom-Psychologe Eskil Burck ist psychologischer Berater und Lehrbuch-Autor. Er lehrt Psychologie für die Kalaidos Fachhochschule (Zürich). Sein Psychologie-Podcast "psychologie-lernen.de" belegte auf iTunes immer wieder Platz 1 in der Kategorie "Bildung". Seine Bücher "Angst - was hilft wirklich?", "Das manipulierte Gehirn" und "Neue Psychologie der Beeinflussung" wurden zu Amazon-Bestsellern. Sogar in seiner Freizeit liest er gerne Studien...😅
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