Sexualität und Behinderung: Vielfalt ist normal
Aktualisiert: 18.08.2026
Menschen mit Behinderung haben ebenso wie andere Menschen vielfältige Bedürfnisse nach Liebe, Nähe, Zärtlichkeit, Partnerschaft und Sexualität. Liebe, Partnerschaft und Sexualität bei Menschen mit Behinderung sind wichtige Bestandteile eines selbstbestimmten Lebens. Trotzdem ist die Sexualität von Menschen mit Behinderung häufig noch ein gesellschaftliches Tabuthema. Unsicherheit, Vorurteile und Scham können dazu führen, dass Wünsche und Bedürfnisse nicht ausreichend wahrgenommen oder ernst genommen werden.
Unterstützungsangebote wie Beratung, sexualpädagogische Aufklärung und – wenn gewünscht – professionelle Sexualbegleitung können Menschen mit Behinderung dabei unterstützen, ihre Sexualität selbstbestimmt und selbstbewusst zu leben.
Liebe und Partnerschaft gehören auch für Menschen mit Behinderung zu einem selbstbestimmten Leben.
Liebe, Partnerschaft und Sexualität bei Menschen mit Behinderung: Wichtige Aspekte
- Vielfältige Bedürfnisse: Menschen mit Behinderung haben ebenso wie andere Menschen unterschiedliche Bedürfnisse nach Liebe, Nähe, Zärtlichkeit, Partnerschaft und Sexualität.
- Recht auf Selbstbestimmung: Jede Person hat das Recht, selbst über Liebe, Partnerschaft und Sexualität zu entscheiden. Dazu gehören auch persönliche Grenzen und die freie Entscheidung darüber, mit wem man eine Beziehung oder intime Kontakte eingehen möchte.
- Gesellschaftliche Tabuisierung: Unsicherheit und Scham im Umgang mit der Sexualität von Menschen mit Behinderung können dazu führen, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse übersehen oder nicht ernst genommen werden.
- Beratung und Aufklärung: Verständliche und barrierefreie Informationen über Liebe, Partnerschaft, Sexualität und Verhütung sind wichtig, damit Menschen mit Behinderung ihre Sexualität selbstbestimmt gestalten können. Weitere Informationen bietet die Lebenshilfe in Einfacher Sprache: Liebe und Sex in Leichter Sprache.
- Sexuelle Gesundheit und Verhütung: Menschen mit Behinderung benötigen ebenso wie andere Menschen verständliche und barrierefreie Informationen über Verhütung, sexuelle Gesundheit und den Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen.
- Sexualbegleitung: Je nach persönlicher Situation können Angebote der Sexualbegleitung eine mögliche Form der Unterstützung sein. Ob und welche Unterstützung sinnvoll ist, hängt von den individuellen Wünschen und Bedürfnissen der jeweiligen Person ab.
Welche Herausforderungen gibt es?
- Gewalt und Abhängigkeit: Menschen mit Behinderung können besonderen Risiken ausgesetzt sein und leben teilweise in Abhängigkeiten. Deshalb ist es besonders wichtig, ihre Persönlichkeitsrechte, ihre Grenzen und ihre Selbstbestimmung zu schützen.
- Entsexualisierung: Menschen mit Behinderung werden teilweise als asexuell wahrgenommen oder ihre Sexualität wird ignoriert. Dadurch können ihre Wünsche und Bedürfnisse unsichtbar werden.
- Unsicherheit und Scham: Angehörige, Betreuungspersonen und andere Menschen sind im Umgang mit dem Thema Sexualität manchmal unsicher. Das kann zu Vermeidung und Tabuisierung führen.
- Fokus auf Fortpflanzung: Sexualität wird gesellschaftlich häufig mit Jugend und Fortpflanzung verbunden. Dadurch werden andere Formen von Liebe, Nähe, Intimität und Sexualität bei Menschen mit Behinderung leicht übersehen.
- Schutz vor sexueller Gewalt: Der Schutz vor sexueller Gewalt und Missbrauch ist besonders wichtig. Gleichzeitig sollte der Schutz nicht dazu führen, dass selbstbestimmte Sexualität grundsätzlich verhindert oder kontrolliert wird.
- Fehlende Barrierefreiheit: Informationen über Sexualität, Partnerschaft und Verhütung sind nicht immer barrierefrei zugänglich, beispielsweise in Leichter Sprache, mit verständlichen Texten oder in Gebärdensprache.
Unterstützung und Beratung
Unterstützung kann je nach Art und Ausprägung der Behinderung unterschiedlich aussehen. Entscheidend ist, dass die Wünsche, Entscheidungen und persönlichen Grenzen der jeweiligen Person respektiert werden.
- Individuelle Unterstützung: Menschen mit Behinderung können je nach ihren persönlichen Bedürfnissen unterschiedliche Formen der Unterstützung benötigen. Wichtig ist, dass die Unterstützung die Selbstbestimmung stärkt und nicht unnötig einschränkt.
- Beratung: Organisationen wie pro Familie und die Lebenshilfe bieten Beratung und Informationsmaterialien zu Liebe, Partnerschaft und Sexualität an.
Gemeinsam unterwegs: Barrierefreies Reisen
Auch gemeinsame Reisen können für Paare mit Behinderung eine schöne Möglichkeit sein, Zeit miteinander zu verbringen und neue Erfahrungen zu sammeln. Barrierefreie Reiseangebote können dabei helfen, gemeinsame Erlebnisse möglichst selbstbestimmt zu gestalten.
Die Niederlande bieten zahlreiche barrierefreie Reiseziele und Angebote.
Mehr Informationen finden Sie hier: Barrierefreies Reisen in den Niederlanden.
Warum ist Sexualität bei Menschen mit Behinderung noch ein Tabuthema?
Die Tabuisierung hat verschiedene gesellschaftliche Ursachen. Dazu gehören Vorurteile, Unsicherheit und die Vorstellung, dass Menschen mit Behinderung keine oder nur geringe sexuelle Bedürfnisse hätten.
Auch die Angst vor sexueller Gewalt und Missbrauch spielt eine wichtige Rolle. Schutz und Selbstbestimmung müssen dabei gemeinsam gedacht werden: Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf Schutz vor Gewalt und gleichzeitig ein Recht auf Liebe, Partnerschaft, Nähe und eine selbstbestimmte Sexualität.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Barrierefreiheit. Informationen über Sexualität und Partnerschaft müssen so zugänglich sein, dass Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen sie verstehen und nutzen können.
Vielfalt ist normal
Menschen mit Behinderung sind genauso vielfältig wie Menschen ohne Behinderung. Sie können sich verlieben, Partnerschaften eingehen, Zärtlichkeit erleben und ihre Sexualität selbstbestimmt gestalten.
Liebe, Nähe und Sexualität gehören zur Vielfalt menschlichen Lebens – mit oder ohne Behinderung.
Entscheidend sind Selbstbestimmung, gegenseitiger Respekt, persönliche Grenzen und die Möglichkeit, eigene Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken.
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Weiterführende Informationen
- Lebenshilfe – Liebe, Partnerschaft und Sexualität
- pro Familie
- Familienratgeber – Sexualität und Partnerschaft
Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag.
Gerade beim Thema Sexualität und Behinderung gibt es meiner Meinung nach auch heute noch viele Vorurteile und Berührungsängste. Menschen mit Behinderung werden häufig in erster Linie über ihre Behinderung wahrgenommen, zum Beispiel als hilfsbedürftig, schutzbedürftig oder pflegebedürftig. Viel zu selten werden sie selbstverständlich auch als Menschen mit Wünschen, Begehren, Erotik und Sexualität wahrgenommen.
Für mich gehört zur Selbstbestimmung deshalb nicht nur das Recht auf Partnerschaft, Nähe und Sexualität. Dazu gehört ebenso die Freiheit, den eigenen Körper so wahrzunehmen und darzustellen, wie man selbst es möchte. Das kann auch bedeuten, sich bewusst sinnlich oder erotisch zu zeigen, Aktaufnahmen von sich machen zu lassen oder sich selbst nackt zu fotografieren.
Gerade die Aktfotografie kann dabei eine interessante Form der Selbstdarstellung und der Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper sein. Ein Körper mit Behinderung muss nicht versteckt werden und ebenso wenig ausschließlich dokumentarisch oder unter dem Gesichtspunkt der Behinderung gezeigt werden. Er kann ästhetisch, selbstbewusst, sinnlich und erotisch dargestellt werden, genauso wie jeder andere Körper.
Dabei sollte selbstverständlich immer der betroffene Mensch selbst entscheiden, wie weit er gehen möchte, was er von sich zeigen möchte und wem gegenüber. Genau darin liegt für mich ein wesentlicher Teil von Selbstbestimmung.
Ich habe mich mit diesem Thema auch selbst schon vor längerer Zeit öffentlich auseinandergesetzt. Im HANDICAP Magazin, Ausgabe 1/2012, erschien ein Beitrag über mich und meine Auseinandersetzung mit Behinderung, Körperbild, Selbstdarstellung und Aktfotografie. Wer sich dafür interessiert, kann den Beitrag und weitere Informationen hier ansehen:
http://leserfoto.de/wilfried.html
Mir ist wichtig, dass wir beim Thema Sexualität und Behinderung nicht ausschließlich über Beratung, Sexualbegleitung oder bestehende Barrieren sprechen. Diese Themen sind wichtig. Aber Menschen mit Behinderung sollten auch ganz selbstverständlich selbst Akteure sein dürfen. Sie sollten flirten, lieben, begehren, begehrt werden, experimentieren, sich erotisch darstellen und ihre eigene Sexualität nach ihren Vorstellungen leben dürfen.
Vielleicht trägt gerade mehr sichtbare und selbstbestimmte Selbstdarstellung dazu bei, eines der hartnäckigsten Vorurteile abzubauen, nämlich die Vorstellung, dass Behinderung und Erotik nicht zusammenpassen würden.
Für mich gehören Behinderung, Selbstbestimmung, Körperlichkeit, Erotik und Sexualität jedenfalls nicht in getrennte Schubladen. Sie können ganz selbstverständlich Teile ein und desselben Lebens sein.