Psychoanalyse vs. Systemische Therapie
Die nach Sigmund Freud
Die Psychoanalyse und die Systemische Therapie setzen unterschiedliche Schwerpunkte, wenn es darum geht, psychische Probleme und menschliches Verhalten zu verstehen. Die Psychoanalyse richtet ihren Blick insbesondere auf bewusste und unbewusste seelische Prozesse, innere Konflikte, Beziehungserfahrungen und die persönliche Entwicklung. Die Systemische Therapie betrachtet psychische Belastungen stärker im Zusammenhang mit Beziehungen, Kommunikation und sozialen Systemen.
Sigmund Freud gilt als Begründer der Psychoanalyse. Er entwickelte sie nicht nur als Behandlungsmethode, sondern auch als Theorie und Untersuchungsverfahren zur Erforschung seelischer Vorgänge. Die Psychoanalyse wurde seit Freud kontinuierlich weiterentwickelt und umfasst heute unterschiedliche psychoanalytische und psychodynamische Ansätze.
Im Zentrum psychoanalytischer Behandlung steht die Annahme, dass psychisches Leiden auch mit unbewussten Konflikten und Beziehungserfahrungen zusammenhängen kann. Ziel ist es, solche Zusammenhänge besser zu verstehen und im therapeutischen Prozess zu bearbeiten. Eine besondere Bedeutung haben dabei unter anderem Übertragung und Gegenübertragung sowie die therapeutische Beziehung.
Die Psychoanalyse beschäftigt sich deshalb nicht ausschließlich mit der Vergangenheit. Frühere Erfahrungen können aus psychoanalytischer Sicht bis in aktuelle Beziehungen und das gegenwärtige Erleben hineinwirken. Gleichzeitig werden aktuelle Konflikte und Beziehungserfahrungen in der therapeutischen Beziehung aufgegriffen.
Sigmund Freud (1856–1939) gilt als Begründer der Psychoanalyse.
Worum geht es in der Psychoanalyse?
- Fokus: Bewusste und unbewusste Prozesse, innere Konflikte, Persönlichkeitsentwicklung, Beziehungserfahrungen und wiederkehrende Muster.
- Ziel: Unbewusste Zusammenhänge besser zu verstehen, Einsicht zu gewinnen und psychische Konflikte sowie belastende Beziehungsmuster zu bearbeiten.
- Therapeutische Beziehung: Die Beziehung zwischen Patient und Therapeut kann selbst zum Gegenstand der therapeutischen Arbeit werden. Dabei spielen Übertragung und Gegenübertragung eine wichtige Rolle.
- Methoden: Je nach psychoanalytischem Verfahren gehören unter anderem freie Assoziation, die Arbeit mit Träumen und die Analyse von Übertragungsprozessen zu den klassischen Methoden.
Systemische Therapie: Der Mensch im Beziehungs- und Lebenskontext
Die Systemische Therapie betrachtet psychische Probleme nicht isoliert als Eigenschaften eines einzelnen Menschen. Im Mittelpunkt stehen vielmehr auch die Beziehungen, Kommunikationsmuster und Wechselwirkungen, in denen ein Problem entsteht und aufrechterhalten wird.
Ein „System“ kann beispielsweise eine Familie, eine Partnerschaft oder ein anderes soziales Umfeld sein. Dabei wird der einzelne Mensch nicht ausgeblendet. Vielmehr wird untersucht, wie sich individuelles Erleben und Verhalten mit den Beziehungen und Rahmenbedingungen des jeweiligen sozialen Umfelds gegenseitig beeinflussen.
Die Systemische Therapie richtet den Blick häufig auf aktuelle Interaktionen und mögliche Veränderungen. Sie fragt beispielsweise danach, welche Muster sich zwischen Menschen wiederholen, welche unterschiedlichen Perspektiven auf ein Problem bestehen und welche Ressourcen für eine Veränderung vorhanden sind.
Worum geht es in der Systemischen Therapie?
- Fokus: Beziehungen, Kommunikation, Interaktionen, soziale Systeme und wiederkehrende Beziehungsmuster.
- Ziel: Problematische Muster zu erkennen, neue Perspektiven zu entwickeln, Ressourcen zu aktivieren und Veränderungsmöglichkeiten zu eröffnen.
- Behandlungseinheit: Je nach Fragestellung kann eine einzelne Person, ein Paar oder beispielsweise eine Familie einbezogen werden.
- Therapeutenrolle: Die Therapeutin oder der Therapeut arbeitet aktiv mit Fragen, Perspektivwechseln und anderen systemischen Interventionen.
Psychoanalyse und Systemische Therapie im Vergleich
Der Unterschied zwischen beiden Ansätzen lässt sich vereinfacht als unterschiedliche Perspektive auf psychische Probleme beschreiben. Die Psychoanalyse fragt stärker danach, welche unbewussten inneren Konflikte, Beziehungserfahrungen und Entwicklungsmuster das Erleben eines Menschen prägen. Die Systemische Therapie fragt stärker danach, wie sich Probleme innerhalb von Beziehungen und sozialen Systemen entwickeln und welche Muster verändert werden können.
| Psychoanalyse | Systemische Therapie |
|---|---|
| Fokus: Unbewusste Prozesse, innere Konflikte, Persönlichkeitsentwicklung und Beziehungserfahrungen | Fokus: Beziehungen, Kommunikation, Interaktionen und soziale Systeme |
| Perspektive: Intrapsychische und zwischenmenschliche Prozesse | Perspektive: Wechselwirkungen zwischen Person und sozialem Umfeld |
| Zeitbezug: Frühere Erfahrungen können für aktuelle Konflikte bedeutsam sein | Zeitbezug: Häufig stärkerer Fokus auf gegenwärtige Muster und mögliche Veränderungen |
| Behandlung: Häufig intensive Arbeit mit inneren Konflikten und der therapeutischen Beziehung | Behandlung: Arbeit mit Perspektiven, Interaktionen, Kommunikation und Ressourcen |
| Typische Methoden: Freie Assoziation, Deutung, Arbeit mit Übertragung und Gegenübertragung | Typische Methoden: Systemische Fragen, Perspektivwechsel, Ressourcenarbeit und Arbeit mit Beziehungsmustern |
Wichtig: Psychoanalyse ist nicht dasselbe wie tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
Im Zusammenhang mit Psychoanalyse und Psychotherapie werden die Begriffe häufig miteinander vermischt. Fachlich ist eine Unterscheidung wichtig: Analytische Psychotherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie sind psychotherapeutische Verfahren, die aus der Psychoanalyse hervorgegangen sind, aber nicht mit der klassischen Psychoanalyse gleichgesetzt werden können.
Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie konzentriert sich stärker auf aktuelle Konflikte und deren Zusammenhang mit unbewussten Hintergründen. Die persönliche Lebensgeschichte wird berücksichtigt, steht aber nicht in gleicher Weise im Zentrum wie bei einer klassischen psychoanalytischen Behandlung.
Auch in Deutschland ist die Systemische Therapie inzwischen ein anerkanntes Psychotherapieverfahren. Sie wird in der psychotherapeutischen Versorgung unter bestimmten Voraussetzungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Abgrenzung und Übergänge
- Historisch: Zwischen psychoanalytischen und systemischen Ansätzen bestehen vielfältige historische Verbindungen. Die Entwicklung der Familientherapie und später der Systemischen Therapie stand teilweise in Auseinandersetzung mit psychoanalytischen Konzepten.
- Unterschiedlicher Schwerpunkt: Vereinfacht gesagt untersucht die Psychoanalyse stärker, was sich innerhalb einer Person und in ihrer Beziehungsgeschichte abspielt, während die Systemische Therapie stärker untersucht, was zwischen Menschen und innerhalb sozialer Systeme geschieht.
- Keine starre Trennung: Moderne psychoanalytische Ansätze berücksichtigen ebenfalls Beziehungen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Umgekehrt interessiert sich die Systemische Therapie auch für das individuelle Erleben, Gefühle, Wahrnehmungen und persönliche Ressourcen.
- Integrative Perspektiven: In der modernen Psychotherapie gibt es unterschiedliche Versuche, Erkenntnisse verschiedener therapeutischer Schulen miteinander zu verbinden.
Psychoanalyse und Systemische Therapie heute
Beide Ansätze haben sich seit ihren Anfängen erheblich weiterentwickelt. Die Psychoanalyse ist längst nicht mehr ausschließlich mit den ursprünglichen Theorien Sigmund Freuds gleichzusetzen. Psychoanalytische Fachgesellschaften betonen heute unter anderem die Bedeutung unbewusster Prozesse, der Beziehungsgestaltung und der persönlichen Entwicklung.
Auch die Systemische Therapie hat sich von ihren historischen Wurzeln weiterentwickelt. Heute stehen unter anderem Beziehungsmuster, Kommunikation, Ressourcen, unterschiedliche Perspektiven und die Möglichkeit von Veränderung im Mittelpunkt.
Die Gegenüberstellung „Psychoanalyse = Vergangenheit“ und „Systemische Therapie = Gegenwart“ wäre deshalb zu stark vereinfacht. Beide Ansätze beschäftigen sich sowohl mit aktuellen Problemen als auch mit deren Entstehungs- und Beziehungskontexten – allerdings mit unterschiedlichen theoretischen Schwerpunkten.
Was unterscheidet beide Ansätze im Kern?
Eine hilfreiche Kurzformel lautet:
Psychoanalyse: Welche unbewussten Konflikte, Erfahrungen und Beziehungsmuster prägen mein Erleben und mein Verhalten?
Systemische Therapie: Welche Beziehungen, Interaktionen und Kommunikationsmuster beeinflussen das Problem – und was lässt sich daran verändern?
Diese Gegenüberstellung ist nur eine Orientierung und ersetzt keine ausführliche Beschreibung der jeweiligen Therapieverfahren. Sie macht aber deutlich, dass beide Ansätze unterschiedliche Zugänge zu psychischen Problemen bieten.
Fazit
Die Psychoanalyse nach Sigmund Freud richtet den Blick auf die bewussten und unbewussten Dimensionen des menschlichen Erlebens, auf innere Konflikte, Beziehungserfahrungen und die Entwicklung der Persönlichkeit. Die Systemische Therapie betrachtet den Menschen stärker im Zusammenhang mit seinen Beziehungen und sozialen Systemen und untersucht, wie Interaktionen und Kommunikationsmuster Probleme beeinflussen können.
Die Unterschiede sind dabei weniger absolut, als es eine einfache Gegenüberstellung vermuten lässt. Beide Ansätze haben sich weiterentwickelt und berücksichtigen heute sowohl individuelle als auch zwischenmenschliche Prozesse.
Während die Psychoanalyse häufig nach den tieferen psychischen Zusammenhängen eines Problems fragt, untersucht die Systemische Therapie stärker die Muster und Wechselwirkungen, in denen ein Problem auftritt. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven können helfen, menschliches Erleben und psychische Belastungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu verstehen.
Weiterführende Informationen zur Psychoanalyse
- Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft: Was ist Psychoanalyse?
- Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft – Aufgaben und Grundlagen
- Deutsche Psychoanalytische Vereinigung – Was ist Psychoanalyse?
- Psychoanalyse – Wikipedia
Weiterführende Informationen zur Systemischen Therapie
Sigmund Freud: Psychoanalyse - Was ist dran?
Quellen:
Fromm: Sigmund Freuds Psychoanalyse ...- Größe und Grenzen
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Erikson: Kindheit und Gesellschaft
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Schriften des Sigmund-Freud-Instituts Bd 4: ADHS - Frühprävention statt Medikalisierung. Theorie, Forschung, Kontroversen (Das Fallbeispiel)
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